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Neuer BZÄK-Vorstand stellt Weichen für Lobbyarbeit in komplexen Zeiten – die Kolumne von Dr. Uwe Axel Richter

(c) Shawn Hempel/Shutterstock.com

Die Wahl des neuen geschäftsführenden Vorstands (GV) der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) ist kaum zwei Monate her – und die erhebliche Veränderung schon Normalität, nimmt man die kaum noch erfolgende mediale Notiz als Maßstab. Dabei gab es, vor allem wenn man auf die Diskussionen im Vorfeld zurückblickt, eine kleine Revolution. Denn nun ziert – trotz all der über einen langen Zeitraum im Vorfeld der anstehenden Wahl kolportierten Vorbehalte wie die (angeblich) mangelnden berufs- und standespolitischen Erfahrungen – eine Frau den GV. Ein Sieg der Mitglieder, die sich nun „besser vertreten“ fühlen dürfen? Oder kluger Schachzug, um die politische Schlagkraft des Verbands zu erhöhen?

Kammern sind keine Verbände

Vorab eine Klarstellung: Kammern sind, auch wenn sie von außen betrachtet so wirken, keine Verbände. Sie sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und nehmen damit vor allem hoheitliche Aufgaben wahr. Anders ist die Lage bei der BZÄK, genauer der „Bundeszahnärztekammer, Arbeitsgemeinschaft der deutschen Zahnärztekammern e. V.“. Sie ist als Verein organisiert, der von den Zahnärztekammern der Länder getragen als politische Berufsvertretung aller Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland agiert.

Verbände sind, so die aktuelle Definition bei Wikipedia, „Personenvereinigungen natürlicher oder juristischer Personen als Mitglieder, die sich freiwillig zur Verfolgung gemeinsamer Interessen und Ziele zusammengeschlossen haben und über eine festgelegte interne Organisationsstruktur auf der Grundlage einer privatrechtlichen oder öffentlich-rechtlichen Satzung verfügen“. Und damit ist die BZÄK ein Verband.

Erwartungshaltung der Mitglieder

Formal ist die Unterscheidung zwischen Verband und Kammer und damit auch freiwilliger oder Zwangsmitgliedschaft zwar wichtig, macht aber im Hinblick auf die Erwartungshaltung der Mitglieder keinen Unterschied. Die Mitglieder wollen ihre vielfältigen, häufig sogar widersprüchlichen Interessen breit im Verband vertreten sehen, erwarten jedoch gleichzeitig eine erfolgreiche Interessenvertretung gegenüber der Politik.

An dieser Stelle liegt das Dilemma von Repräsentation, also die Binnenperspektive der Mitglieder, und der Effektivität des Handels im politischen Raum, der sogenannten Einflusslogik. Denn „je stärker die Interessen der einzelnen Mitglieder berücksichtigt werden, umso geringer ist der Spielraum der Funktionäre. Wenn die Verbandsspitze umgekehrt mehr Interessen aussortiert, um ihren (politisch-administrativen) Handlungsspielraum zu vergrößern, droht sie die Unterstützung vieler Mitglieder zu verlieren“. Womit wir mitten im sogenannten Verbandsdilemma stecken.

Pluralisierung der Interessen und Einflussmöglichkeiten

Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie wurde dazu vom Institut für Kommunikationswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg eine Studie zur integrierten Verbandskommunikation unter dem Titel „Das Verbandsdilemma in turbulenten Zeiten“ veröffentlicht. Gemäß den Studienautoren verschärfen mehrere Entwicklungen das Dilemma: Auf Seite der Mitgliederlogik die zurückgehende Bindung, die zunehmend vielfältigeren Motive und die Pluralisierung organisierter Interessen, die wiederum auf Seite der Einflusslogik den Wettbewerb zur Interessensdurchsetzung verschärft. Hinzu komme die Internationalisierung und Europäisierung, die zu einer wachsenden Vielfalt von Einflussmöglichkeiten führe.

Wie versuchen nun die Verbände das Dilemma zu lösen? Bei den befragten 84 Verbänden geht die Handlungspräferenz klar zugunsten des Einflusses: Fokussierung auf möglichst wenige Themen – statt Vertreten einer großen Vielfalt – und auf schnelle Entscheidungen, um sprechfähig zu sein, statt intensive innerverbandliche Diskussionsprozesse zu führen. Und zur Personalisierung: 88 Prozent sehen eine charismatische Persönlichkeit an der Spitze des Verbandes als wichtig und sehr wichtig für die Erreichung der Verbandsziele. Wobei das Charisma nach innen wie nach außen wirken sollte.

Alles eine Frage der Kommunikation

Was in der heutigen Zeit vor allem eine Frage der Kommunikation ist. Mit Blick auf die Interessendurchsetzung wundern die Antworten der befragten Verbände dennoch ein wenig. Am relevantesten werden mit gut 89 Prozent direktes Lobbying sowie mit knapp 82 Prozent Presse- und Medienarbeit eingeschätzt. Es folgen – nicht wirklich scharf von Presse und Medienarbeit zu trennen – Onlineanwendungen wie Webseite, Social Media und mit dem geringsten Erfolgsbeitrag Blogger und Influencer Relations. Letztere erreichen immerhin noch knapp 13 Prozent. Medialeistungen, respektive Werbung, werden mit lediglich 5 Prozent als die am wenigsten wichtige Kommunikationsmaßnahme gesehen.

Auf die Frage „Welchen Beitrag zur erfolgreichen Interessensdurchsetzung haben die beiden Wege geleistet?“ fällt die Antwort eindeutig aus: 84 Prozent halten die direkte, individuelle Ansprache von Entscheidern, also das klassische Lobbying, für das erfolgreichste Vorgehen. Das Setzen des Themas in der Öffentlichkeit via Presse und Werbung landet weit abgeschlagen bei 13 Prozent. Angesichts dieses Ergebnisses tauchen in Zeiten der allgegenwärtigen Social Media einige strategische und konzeptionelle Fragezeichen vor dem inneren Auge auf.

Grundlegende Voraussetzungen geschaffen

Durch die zahnärztliche „Verbandsbrille“ betrachtet, war somit die Veränderung im Vorstand überfällig und folgerichtig. Sie entspricht der Mitgliederlogik (große Anzahl von weiblichen Mitgliedern) wie auch der Einflusslogik (Notwendigkeit, auf die Veränderungen im politisch-administrativen System zu reagieren). Damit steht die Grundvoraussetzung, die gewählte Agenda in einem zunehmend komplexen Umfeld auch zielgerichtet angehen zu können und frischen Wind in den politischen Auftritt zu bringen. Ob man diese Agenda dann auch erfolgreich nach außen umsetzen und die Interessen der Mitglieder nach innen befriedigen kann, wird sich erweisen. Aber die Voraussetzungen dafür sind geschaffen.

Dr. Uwe Axel Richter, Fahrdorf


Foto: Verena Galias
Dr. med. Uwe Axel Richter (Jahrgang 1961) hat Medizin in Köln und Hamburg studiert. Sein Weg in die Medienwelt startete beim „Hamburger Abendblatt“, danach ging es in die Fachpublizistik. Er sammelte seine publizistischen Erfahrungen als Blattmacher, Ressortleiter, stellvertretender Chefredakteur und Chefredakteur ebenso wie als Herausgeber, Verleger und Geschäftsführer. Zuletzt als Chefredakteur der „Zahnärztlichen Mitteilungen“ in Berlin tätig, verfolgt er nun aus dem hohen Norden die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen – gewohnt kritisch und bisweilen bissig. Kontakt zum Autor unter uweaxel.richter@gmx.net.

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