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Die Medizin legt vor, am Ende kommt es aber auf die Praxis an – Eine Kolumne von Dr. Uwe Axel Richter

(c)moomsabuy/Shutterstock.com

Ein stetes Thema der vergangenen Monate war „grüne Zahnmedizin“. Mit der medialen Inszenierung der Inthronisation der grünen Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin hierzulande hatte dieses nichts tun. Es bezieht sich vielmehr auf die weltweit zahlreichen, auch wissenschaftlichen Ansätze der Zahnmedizin – inklusive der diesbezüglich klaren Positionierung des Weltzahnärzteverbands FDI im Dezember 2020 –, die zahnärztliche Versorgung nachhaltiger zu gestalten.

Dass die Zahnmedizin damit nicht alleine ist und auch die Politik nicht fern ist, zeigen die vielfältigen Initiativen der Mediziner rund um die Aspekte einer als nachhaltig bezeichneten Versorgung.

Normativer Schlüsselbegriff der modernen Gesellschaft

Sicher, wer „nachhaltige Versorgung“ im Gesundheitswesen hört, denkt nicht als erstes an die vielfältigen Ansätze einer die Umwelt achtenden Ausübung der Patientenversorgung. Viele, die im stressigen Alltag der Patientenversorgung stehen, zählen das Wort Nachhaltigkeit eher zu den Buzzwords – auch weil kaum eine politische Diskussion ohne auskommt. Fakt ist jedoch, dass nachhaltige Entwicklung, so das „Gabler Wirtschaftslexikon“, ein normativer Schlüsselbegriff der modernen Gesellschaft ist. „Seine gewachsene Bedeutung ist Resultat zunehmender gesellschaftlicher Problemlagen, angefangen von Armut über Umweltverschmutzungen bis hin zum Klimawandel.“

Viele organisierte Aktivitäten in der Ärzteschaft

In dieser Bandbreite finden sich neben den vielfältigen persönlichen Initiativen auch viele organisierte Aktivitäten der Ärzteschaft für das Thema Klima- und Gesundheitsschutz. Eine Trennung von primär politisch motivierten Aktivitäten ist an dieser Stelle müßig. Schauen wir also mal über den Gartenzaun. Die nachfolgende kurze Aufzählung – ein sehr ausführlicher Artikel findet sich diesbezüglich im Schwerpunkt der „Ärzte Zeitung“ vom 23. April 2021 (Printausgabe) – gibt einen guten Eindruck über die Bandbreite der Aktivitäten der Mediziner für den Klima- und Gesundheitsschutz. Eine Trennung in Klima und Gesundheit ist in der Tat schwierig, die Politik vor der Tür zu lassen wohl nicht möglich.

Von Klimastreik bis Lebensretter

So begreift die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (www.klimawandel-gesundheit .de), kurz KLUG, die Klimakrise und deren weitreichende Folgen als medizinischen Notfall. Health for Future (die Namensähnlichkeit zu Friday for Future ist gewollt) kurz H4F, stellen sich auf ihrer gleichnamigen Website als Initiative von KLUG vor und verstehen sich als ein Aktionsforum für gesundes Klima und Ökosystem für alle Angehörigen aus dem Gesundheitsbereich, Klimastreiks inklusive.

Große Ansprüche – prominente Köpfe

Die Klimadocs – Ärzte für den Klimaschutz (www.klimadocs.de) sind ein Netzwerk von Arztpraxen und Kliniken, die es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht haben, Patienten und Patientinnen über Ökologie und Gesundheit aufzuklären. Die Klimadocs sind Partner der von Eckart von Hirschhausen gegründeten Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“.

Nähe zur Politik oft unübersehbar

Bei dem Projekt „Klimaretter-Lebensretter“ (www.projekt.klimaretter-lebensretter.de) wirkt Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer und Vorsitzender des Vorstands des Weltärztebunds (World Medical Association, WMA) als Schirmherr. In seiner Rolle als Präsident des Ständigen Ausschusses der Ärzte der Europäischen Union (CPME) ist auch hier die Nähe zur Politik unübersehbar. Gefördert wird das Projekt durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie die Nationale Klimaschutzinitiative. Der Vollständigkeit halber sei auch noch der dritte „Förderer“ erwähnt – Viamedica Stiftung für gesunde Medizin.

Doch auch der IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung eines Atomkrieges (ippnw.de) setzt sich neben der Bekämpfung der atomaren Bedrohung für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und ein gerechtes Gesundheitswesen ein.

Grenzen zwischen privatem und politischem Engagement schwer zu ziehen

Dass die Grenzen (sofern es sie überhaupt geben kann) zwischen privatem, politischem und auch wissenschaftlichem Engagement schwer zu ziehen sind, wird bei der DEGAM, der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin deutlich, bei der sich die Arbeitsgruppe Klimawandel/Gesundheit um das Thema kümmert. Auf der Website www.degam.de liest sich die Programmatik wie folgt: „Die DEGAM erkennt im Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit die Bedeutung der Begrenzung einer maximalen Erderwärmung in diesem Jahrhundert um 1,5 Grad an und setzt sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft dafür ein. Der Public-Health-Gedanke für die hausärztliche Tätigkeit und vernetztes systemisches Denken werden dabei ebenso gestärkt wie die Bedeutung der Primärversorgung. Bei der Entwicklung von Leitlinien und bei der Beteiligung an S3-Leitlinien sollen klimarelevante Faktoren geprüft werden. Die DEGAM strebt in ihrer Organisation und bei Veranstaltungen eine Klima-Neutralität an. Die Maßnahmen sollen in einer Nachhaltigkeits-Agenda entwickelt werden.“

In der deutschen Zahnmedizin noch Luft nach oben

Nimmt man diese Aktivitäten zum Maßstab, dann müsste sich in der deutschen Zahnmedizin noch einiges entwickeln. Immerhin hat das Studierendenparlament des FVDZ eine entsprechende Initiative gestartet. Aber politische Bekundungen und Initiativen werden vielfältige Hands-on-Aktivitäten zur konkreten Verbesserung der Umweltbilanz der zahnärztlichen Praxen nicht ersetzen können. Insofern sind wir auf einem guten Weg, wenn sich viele in ihrer Praxis auf den Weg machen.

Dr. Uwe Axel Richter, Fahrdorf


Foto: Verena Galias
Dr. med. Uwe Axel Richter (Jahrgang 1961) hat Medizin in Köln und Hamburg studiert. Sein Weg in die Medienwelt startete beim „Hamburger Abendblatt“, danach ging es in die Fachpublizistik. Er sammelte seine publizistischen Erfahrungen als Blattmacher, Ressortleiter, stellvertretender Chefredakteur und Chefredakteur ebenso wie als Herausgeber, Verleger und Geschäftsführer. Zuletzt als Chefredakteur der „Zahnärztlichen Mitteilungen“ in Berlin tätig, verfolgt er nun aus dem hohen Norden die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen – gewohnt kritisch und bisweilen bissig. Kontakt zum Autor unter uweaxel.richter@gmx.net.

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