438 Aufrufe

Positives Beispiel Zahnärzte: Klare Kommunikation schafft Vertrauen – die Kolumne von Dr. Uwe Axel Richter

(c)Diego Schtutman/Shutterstock.com

Die Überschrift klingt für Sie anmaßend? Und zwar wegen der Verwendung des Wortes Verhunzung im Zusammenhang mit Sars-CoV-2? Nun, in Anbetracht der teils abenteuerlichen Wortschöpfungen in der politischen, vor allem aber der massenmedialen „Behandlung“ der Coronapandemie ist das alte deutsche Wort noch eine eher freundliche Umschreibung. Oder können Sie beispielsweise Brückenlockdown erklären? Wenn nicht, werden es auch die allermeisten ihrer Patienten nicht verstanden haben.

Das Thema liegt mir auf der Seele: Müssen nach 15 Monaten Coronapandemie immer noch vollkommen unverständliche Worte in steter dramatischer Inszenierung verwendet werden, um zu informieren oder gar aufklären zu wollen? Aufklärung mit nicht verständlichen Worten ist wie im dichten Nebel mit einer Landkarte und ohne Kompass das Ziel auf kürzestem Wege finden zu wollen …

Mehr als 1.000 „Neuworte“ in der Pandemie

Bei der Recherche zu einer schlüssigen Erklärung für das von Armin Laschet – immerhin Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslands und Kanzlerkandidat von CDU/CSU – in die Debatte gebrachte Wort „Brückenlockdown“ bin ich auch auf eine umfassende wissenschaftliche Zusammenstellung des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache für Wortneuschöpfungen im Zusammenhang mit der Coronakrise gestoßen, die ich Ihnen keinesfalls vorenthalten möchte. Die Zahl der diesbezüglichen „Neuworte“ geht mittlerweile an die 1.000 Worte und Neologismen. Ein Neologismus ist eine in den allgemeinen Gebrauch übergegangene sprachliche Neuprägung, ein Neuwort oder eine neue Bedeutung für ein bereits vorhandenes Wort, um sogenannte Benennungslücken zu schließen.

Witzige und treffende Wortschöpfungen

Manche davon sind durchaus witzig, wie „Coronaer“ (Person die sich mit dem Coronavirus angesteckt hat), „Wirrologe“, „Wuhanshake“ (Begrüßung mit dem Fuß), „Schniefscham“ oder „Seuchensheriff“. Dass seit über einem Jahr nur noch „Microweddings“ möglich sind, finden die Heiratenden wahrscheinlich nicht witzig. Und für diejenigen, die unter „Holistay“ oder „Staycation“ (Urlaub zu Hause oder nur in der näheren Umgebung) leiden, ist bekanntlich der „Pieks“ oder die „Anti-Corona-Spritze“ die Rettung vor dem „Corönchen“ oder „Coronatier“ (hier ist das Virus gemeint) und nicht nur eine Impfung, die in der Natur der Sache liegend eben auch Nebenwirkungen hat.

In diesem Zusammenhang sei ein kleiner Gedankenschlenker erlaubt: Ich wage die Prognose, dass die im Vergleich zu den Apothekern als schmerzhaft zu empfindende Nichtberücksichtigung der Zahnärzte für das Corona-Impfprogramm durch die Politik sich rückblickend als Vorteil erweisen wird. Wenn man es denn richtig positioniert.

Wortgirlanden und Ausgangssperren-Synonyme

Doch zurück zu all den Wortgirlanden, die mit und um den „Lockdown“ erfunden wurden. Das Wort bedeutet nicht mehr oder weniger als Ausgangssperre oder Abriegelung! Um dieses Wort zu vermeiden, finden sich alleine in der Liste des Leibniz-Instituts 48(!) Worte. An dieser Stelle nur eine kleine Auswahl der Ausgangssperren-Synonyme in alphabetischer Reihenfolge: „abgespeckter Lockdown, dorfscharf, Endloslockdown, Flockdown, Hammerlockdown, harter Lockdown (kann es einen weichen Lockdown geben? Kann es, heißt dann Softlockdown), Jahreswechsellockdown, Jo-Jo-Lockdown, Kurzzeitlockdown, Lockdownchen, Megalockdown, Salamilockdown, Volllockdown, Wellenbrecherlockdown, Zwangslockdown“.

Des verbalen Overkills müde

Alles klar? Mir nicht. Und das von den „Lockdownern“ (Politiker) ebenfalls häufig als Synonym verwendete Wort „Shutdown“ bezeichnet im Englischen die Betriebsstillegung oder einen (angeordneten) Produktionsstopp.

Und das ganze x-fach wiederholt und neu abgemischt, lässt letztlich nur noch ein schwarz oder weiß zu. Und so wundert es wenig, dass viele Menschen des steten Dramas und verbalen Overkills müde sind.

Vorbild Zahnärzteschaft: Klare und mit dem Handeln kongruente Kommunikation

So betrachtet, hat die Zahnärzteschaft in der Coronapandemie sehr viel richtig gemacht. Klare und in der Verbalisation zurückhaltende Kommunikation, die mit dem Handeln kongruent ist, schafft nicht nur, sondern erhält(!) das Vertrauen der Patienten. Und das nachgewiesenermaßen. Denn gemäß der BGW-Statistik (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege) waren die Zahnärzte im gesamtem Jahr 2020 der mit Abstand coronaärmste Gesundheitsberuf. Dass manches auch kontrovers diskutiert werden kann – Stichwort Spray und Aerosole –, dafür braucht es keine neuen Worte oder gar Drama. Sondern belastbare neue Erkenntnisse. Vor allen Dingen aber: Weniger Labern, mehr machen!

Doch was bedeutete denn nun das von Armin Laschet im April (es ist wirklich gerade einmal vier Wochen her) in den politischen Diskurs eingeführte Wort „Brückenlockdown“? Der Kanzlerkandidat der CDU wollte einen „kurzen, aber wirksamen Lockdown im April, der die Brücke bildet hin zu mehr Geimpften, zu einer niedrigeren Inzidenz und mehr Tests“.

Alles klar? Mir nicht, ich bin verwirrt.

Dr. Uwe Axel Richter, Fahrdorf


Foto: Verena Galias
Dr. med. Uwe Axel Richter (Jahrgang 1961) hat Medizin in Köln und Hamburg studiert. Sein Weg in die Medienwelt startete beim „Hamburger Abendblatt“, danach ging es in die Fachpublizistik. Er sammelte seine publizistischen Erfahrungen als Blattmacher, Ressortleiter, stellvertretender Chefredakteur und Chefredakteur ebenso wie als Herausgeber, Verleger und Geschäftsführer. Zuletzt als Chefredakteur der „Zahnärztlichen Mitteilungen“ in Berlin tätig, verfolgt er nun aus dem hohen Norden die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen – gewohnt kritisch und bisweilen bissig. Kontakt zum Autor unter uweaxel.richter@gmx.net.

 

Politik Bunte Welt Nachrichten Patientenkommunikation

Adblocker aktiv! Bitte nehmen Sie sich einen Moment ...

Unser System meldet, dass Sie eine aktive AdBlocker-Software verwenden, die verhindert dass alle Seiteninhalte geladen werden können.

Fair geht vor: Unsere Partner aus der Industrie tragen durch ihre Anzeigen einen maßgeblichen Teil zum Betreiben dieser Newsseite bei. Diese finden Sie in überschaubarer Anzahl auf der Startseite sowie den einzelnen Artikelseiten.

Bitte setzen Sie www.quintessence-publishing.com auf Ihre „AdBlocker Whitelist“ oder deaktivieren Ihre AdBlocker Software. Danke.

Weitere Nachrichten

  
10.06.2021

Kurz und knapp

Kurznachrichten und Informationen aus der (dentalen) Welt – Juni 2021
07.06.2021

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg

Der Geschäftsführende Vorstand der BZÄK ist jünger und weiblicher – ein Kommentar von Dr. Marion Marschall
07.06.2021

Und sie bewegt sich doch …

Mit Spannung erwartet und überraschend: Dr. Uwe Axel Richter zur Wahl des neuen Geschäftsführenden Vorstands der BZÄK
07.06.2021

Jünger und weiblicher – Kontinuität und Wandel in der BZÄK

Wahlen und Beschlüsse der außerordentlichen Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer in Berlin
07.06.2021

Dreiteiliges Videoprojekt der KZBV zur neuen PAR-Richtlinie

Systematische Versorgung von Parodontitis ist ein neuer Anfang – 1. Video anlässlich der Jahrestagung der DG Paro am 4. Juni 2021 erschienen
04.06.2021

BZÄK: Konstantin von Laffert neuer Vizepräsident, Dr. Romy Ermler neue Vizepräsidentin

1. Tag der Bundesversammlung der Bundeszahnärztekammer endet mit Wahl eines neuen Geschäftsführenden Vorstands mit Prof. Christoph Benz als Präsident
04.06.2021

Prof. Christoph Benz ist neuer Präsident der Bundeszahnärztekammer

Im zweiten Wahlgang gegen Dr. Michael Frank mit 102 von 162 abgegebenen Stimmen gewählt
03.06.2021

Keine Kandidatur und auch keine Klage beabsichtigt

„Angriff auf Integrität“ oder Beeinflussung der Wahlen – Dr. Rebecca Otto wehrt sich gegen Fehlinformationen vor der Bundesversammlung der BZÄK und fordert Vorstand zur Information der Delegierten auf