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„Nicht abgestimmte Ideensammlung“ – Kritik der Gesellschafter an Gematik-Whitepaper zur TI 2.0

(c)fotodesignart/Shutterstock.com

Ende Januar 2021 veröffentlichte die Gematik, zuständig für die Konzeption und auch Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur (TI) im Gesundheitswesen, eine Pressemitteilung über ein „Whitepaper“ zur TI 2.0, in dem unter anderem die Abkehr vom klassischen Konnektor und eine Neuausrichtung der Gematik verkündet wurden.

„Wir denken unser Angebot und unseren Auftrag komplett neu“, erklärte Dr. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer der Gematik, in der Pressemeldung. Die Gematik als Nationale Agentur für Digitale Medizin schaffe nun eine gemeinsame Arena für alle Akteure, in der die Teilnehmer gewissermaßen einem olympischen Geist verpflichtet seien. Sie wolle Teamwork und Spitzenleistungen in der Gesundheitsversorgung und dem Gesundheitsmanagement durch benötigte Infrastruktur und Dienste unterstützen. Die neue Architektur der TI 2.0 beruhe auf „sechs fundamentalen Säulen“, heißt es, darunter Zugangsschnittstellen im Internet und damit der Wegfall von IT-Lösungen wie Konnektoren.

Konnektorunabhängiger Zugang, keine kartenbasierte Anwendungen

Auf 36 Seiten breitet das Whitepaper die Überlegungen zur TI und Neudefinition der Rolle der Gematik aus, unter dem Motto „Arena für digitale Medizin“. Als „essenzielle Herausforderungen“ für die Weiterentwicklung der TI werden unter anderem ein konnektorunabhängiger Zugang zu Diensten der TI, die Verlagerung der kartenbasierten Anwendungen auf Dienste der TI und das Schaffen von Voraussetzungen für eine einheitliche eID im Gesundheitswesen genannt.

Unsicherheit und Verärgerung bei Anwendern und Gesellschaftern

Berichte über diese Pläne der Gematik sorgten bei den TI-Anwendern in Arzt- und Zahnarztpraxen, die gerade mit Konnektor-Updates für neue TI-Anwendungen und der Beschaffung des elektronischen Heilberufeausweises konfrontiert sind, für Unsicherheit, Unverständnis und Verärgerung.

Verärgert sind aber auch Mitgesellschafter der Gematik, in der das Bundesgesundheitsministerium inzwischen (zwecks Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen) die 51-Prozent-Mehrheit hält. Kassenärztliche und Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung, Bundesärztekammer, Bundeszahnärztekammer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Deutsche Apothekerverband e.V., und von Kassenseite der GKV-Spitzenverband und der Verband der Privaten Krankenversicherung e. V. fordern die Gematik auf, umgehend klarzustellen, dass es sich bei diesem Whitepaper um eine nicht mit den Gesellschaftern abgestimmte Ideensammlung handelt. Das berichtet der Ärztenachrichtendienst unter Bezugnahme auf ein ihm vorliegendes Schreiben, das vom stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Karl-Georg Pochhammer, im Namen der Gesellschafter an Leyck Dieken gerichtet wurde.

Gegen den Beschluss der Gesellschafterversammlung veröffentlicht

Im Schreiben stellen die Gesellschafter klar, dass die Veröffentlichung explizit gegen den in der Gesellschafterversammlung am 25. November 2020 erfolgt sei. Darin sei lediglich festgehalten worden, dass die Inhalte von den Gesellschaftern zunächst diskutiert werden sollten.

Auswirkungen „fatal“ und „kontraproduktiv“

Die Auswirkungen dieser Veröffentlichung auf die Implementierung der Telematikinfrastruktur in den Praxen seien angesichts der derzeitigen Einführung neuer Anwendungen und für die „enormen Anstrengungen“ der Organisationen der Leistungserbringer, die Mitglieder von den Vorteilen der TI zu überzeugen, „fatal“ und völlig kontraproduktiv, heißt es. „Die Veröffentlichung des Whitepapers hat hier mit einem Schlag einen Großteil dieser langsam ihre Wirkung entfaltenden Überzeugungsarbeit zunichte gemacht.“ Ärzte und Zahnärzte hätten sich bei ihren Körperschaften beschwert, dass sie etwas erwerben sollen und müssen, das jetzt von der Gematik selbst als nicht mehr zeitgemäß und obsolet bewertet werde. Dies sei vorauszusehen gewesen, nicht zuletzt daher habe man von einer Veröffentlichung der perspektivischen Pläne zur TI zum jetzigen Zeitpunkt abgeraten.

Kein „neu denken“ der Aufträge seitens der Gematik

Zugleich fordert Pochhammer im Namen der Gesellschafter die von der Gematik in ihren Veröffentlichungen propagierten Thesen wie „partnerschaftliche Zusammenarbeit“ und „supportiver Grundgedanke“ zuerst in der Arbeit mit den Gesellschaftern umzusetzen und sich an die Beschlüsse der Gesellschafterversammlung (GSV) zu halten. „Die Gesellschafter seien bestrebt, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzubringen und würden alles daransetzen, die knappen gesetzlichen Fristen zu erfüllen und die Anwendung der TI zu ermöglichen. Das könne aber nur gelingen, ‚wenn die Leistungserbringer mitgenommen und positiv auf die Neuerungen eingestimmt werden‘, fasst der Änd zusammen. Ein „Neu denken“" der Aufträge sei seitens der Gematik nicht angebracht, heißt es im Schreiben.

Gematik: „Ideenpapier“ zur Anregung des Fachaustauschs

Die Gematik ihrerseits erklärte auf Nachfrage des Änd, sie habe „keineswegs gegen einen GSV-Beschluss“ gehandelt, das Papier sei ein Ideenpapier und diene der Anregung des gemeinsamen Fachaustausches. „Für den Austausch zur konkreten technologischen Umsetzung ist unserer Überzeugung nach ein öffentlicher Diskurs und damit verbunden ein Realitätscheck vor einer Konkretisierung der Pläne zielführend und notwendig“, zitiert der Änd die schriftliche Antwort der Gematik auf seine Anfrage. Mit den Gesellschaftern stehe die Gematik dazu in einem strukturierten konstruktiven Austausch mit Workshops und Diskussionsrunden.

 

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