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Massive Versorgungslücke bis 2030: mehr als 500.000 Menschen in Sachsen-Anhalt ohne Zahnarzt

Geschlossene Praxen, weil Nachfolgerinnen und Nachfolger fehlen – nur vier von zehn Zahnarzpraxen in Sachsen-Anhalt werden übernommen.

(c) Nejron Photo/Shutterstock.com

Die schon bestehenden und bis 2030 noch zu erwartenden Probleme für die zahnärztliche Versorgung in Sachsen-Anhalt haben es Ende Januar schon in die Berichterstattung des Mitteldeutschen Rundfunks und am 5. Februar 2024 dann sogar in die Hauptausgabe der Tagesschau um 20.15 Uhr geschafft: Wegen des anhaltenden Praxissterbens und zu wenig Nachwuchs werden bis 2030 Kapazitäten für die zahnärztliche Behandlung von mehr als 500.000 Menschen im Land fehlen.

Dr. Jochen Schmidt, Vorstandsvorsitzender der KZV LSA
Dr. Jochen Schmidt, Vorstandsvorsitzender der KZV LSA
© Michael Palatini
Das geht aus einer aktuellen Analyse der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KZV LSA) hervor. Die KZV Sachsen-Anhalt legt damit erneut den Finger in die Wunde der Landesregierung, die das Problem zu lange unbeachtet ließ, hießt es in der Meldung zur Analyse. „Die Landesregierung muss ihrer Verantwortung für die Sicherung und Gewinnung von Fachkräften im zahnärztlichen Bereich wahrnehmen. Schließlich können wir uns keine Zahnärztinnen und Zahnärzte ‚backen‘“, so der Vorstandsvorsitzende der KZV LSA, Dr. Jochen Schmidt.

Mehr als die Hälfte schon jenseits der 55

In ihrem aktuellen Prognosebericht bewertet die KZV LSA die Entwicklung der zahnärztlichen Versorgung in Sachsen-Anhalt bis 2030. Danach werden in den nächsten sieben Jahren weitere 600 Zahnärztinnen und Zahnärzte aus der vertragszahnärztlichen Versorgung ausscheiden. Wesentlicher Faktor ist der hohe Altersschnitt der Zahnärztinnen und Zahnärzte im Land. So sind aktuell mehr als die Hälfte 55 Jahre oder älter. Betrachtet man nur diejenigen, die als Vertragszahnärzte eine eigene Praxis betreiben, sind es sogar fast 60 Prozent. Über ein Drittel der Zahnärzteschaft hat bereits das 60. Lebensjahr überschritten und jeder 8. Praxisinhaber ist bereits älter als 65, steht aber noch am Behandlungsstuhl.

Nur vier von zehn finden eine Nachfolgerin/einen Nachfolger

Doch es fehlt auch der Nachwuchs. Laut Statistik der KZV finden nur vier von zehn Praxen eine Nachfolge. Gehe ein Praxisinhaber in den Ruhestand, werde die Zahnarztpraxis mit hoher Wahrscheinlichkeit schließen und infolgedessen mehrere tausend Patientinnen und Patienten zu Zahnarztsuchenden. Aktuell gelten laut KZV LSA die Landkreise Jerichower Land und Börde als von Unterversorgung bedroht, hier können Zahnärztinnen und Zahnärzte, die über das Ruhestandsalter hinaus arbeiten, Zuschüsse bekommen. Auch der Präsident der Landeszahnärztekammer Sachsen-Anhalt, Dr. Carsten Hünecke, hatte anlässlich des Zahnärztetags Ende Januar 2024 in Magdeburg auf die drohenden Versorgungsprobleme hingewiesen.

Gravierender Versorgungsengpass zu erwarten

Laut KZV Sachsen-Anhalt wird sich wegen des Zahnarztmangels in nur wenigen Jahren ein gravierender Versorgungsengpass in Sachsen-Anhalt auftun. Der Befund komme für die politisch Verantwortlichen jedoch nicht überraschend, kommentiert Dr. Jochen Schmidt, Vorstandsvorsitzender der KZV Sachsen-Anhalt.
Bereits vor einigen Jahren hatte die KZV Sachsen-Anhalt einen umfassenden Prognosebericht mit dem Titel „Versorgungsatlas 2030“ veröffentlicht. Schon dieser zeigte deutlich auf, dass die Zahl der in Sachsen-Anhalt tätigen Zahnärztinnen und Zahnärzte bis 2030 signifikant abnehmen wird.

Schlechtere Versorgung schon bemerkbar

Schmidt verweist darauf, dass die stetig sinkende Zahl von Zahnärztinnen und Zahnärzten im Land unlängst zu einer tatsächlichen Verschlechterung der Patientenversorgung in Sachsen-Anhalt geführt hat. Immer mehr Patientinnen und Patienten beklagten schon heute längere Wartezeiten oder Anfahrtswege. In die Praxen drängten immer mehr Schmerz- und Notfallpatienten. Darüber hinaus steige die Zahl der Menschen, die auf der Suche nach einem Zahnarzt sind. Das hatte die KZV-LSA-Vizevorsitzende Dr. Dorit Richter bereits auf dem Neujahrsempfang der Heilberufler im Land Anfang Januar herausgestellt.

Jede Praxis tue sich schwer, einen hilfesuchenden Patienten abzuweisen, so die KZV. Die Zahnarztpraxen im Land seien jedoch am Limit und nicht mehr in der Lage, neue Patientinnen und Patienten aufzunehmen oder zeitnah Termine zu vergeben. Überbordende Regulierung und Bürokratie rund um die zahnärztliche Tätigkeit trügen ihr Übriges dazu bei.

Düstere Zukunft für die Mundgesundheit

Nach Schätzungen der KZV Sachsen-Anhalt werden bis 2030 die Behandlungskapazitäten für circa 518.000 Sachsen-Anhalterinnen und Sachsen-Anhalter fehlen. Diese Menschen werden in ein Versorgungsloch fallen, befürchtet Dr. Schmidt. Die Mundgesundheit der Menschen im Land werde aufgrund der Einschränkungen deutlich zurückgehen. „Die Zahnärzteschaft und ihre Praxismitarbeitenden haben in den zurückliegenden Jahren so viel für die Menschen erreicht. Und nun blicken wir einer düsteren Zukunft entgegen. Das ist für alle an der Versorgung Beteiligten im Land überaus frustrierend.“

Ohne Hilfe vom Land keine Lösung möglich

„Wir haben immer darauf verwiesen, dass wir die Versorgungsproblematik ohne unterstützende Anstrengungen der Landesregierung nicht bewältigen können“, unterstreicht Dr. Schmidt. Die bereits ergriffenen Maßnahmen der KZV Sachsen-Anhalt, darunter Stipendien- und Förderprogramme für angehende und bereits tätige Zahnärztinnen und Zahnärzte, seien allein nicht ausreichend, um den zukünftigen Bedarf an Vertragszahnärztinnen und -zahnärzten zu decken. Der Vorsitzende der KZV Sachsen-Anhalt formuliert daher deutliche Forderungen: „Die Landesregierung muss ihrer Verantwortung für die Sicherung und Gewinnung von Fachkräften im zahnärztlichen Bereich wahrnehmen. Schließlich können wir uns keine Zahnärztinnen und Zahnärzte ‚backen‘.“

Landzahnarztquote auf den Weg bringen

Ein wichtiger Baustein ist die Einführung einer Landzahnarztquote. Für den Vorstand der KZV Sachsen-Anhalt wäre dies eine wirksame Maßnahme, um zahnärztlichen Nachwuchs zu gewinnen und an Sachsen-Anhalt zu binden. Um die Landzahnarztquote zu realisieren, hat sich die KZV Sachsen-Anhalt bereiterklärt, an der operativen Umsetzung mitzuwirken, etwa insbesondere das Bewerbungs- und Auswahlverfahren nach den Vorgaben des Landes praktisch durchzuführen. Auf Ersuchen des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt wurde auch der „Versorgungsatlas 2030“ aktualisiert und noch einmal umfangreich überarbeitet. Nun liegt es im Verantwortungsbereich des Landes, die erforderlichen Voraussetzungen für die Umsetzung einer Landzahnarztquote zu schaffen.

Angesichts der alarmierenden Prognose hofft der Vorsitzende der KZV Sachsen-Anhalt darauf, dass die Landzahnarztquote und weitere Maßnahmen ohne weiteres Zögern von der Landesregierung auf den Weg gebracht werden.

Quelle: KZV LSA/Quintessence News Politik med.dent.magazin

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