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Wer es als Berufsstand nicht schafft, mit einer Stimme gegenüber der Politik aufzutreten, hat bereits verloren – Dr. Uwe Axel Richter zu den Erfolgschancen von Protesten

Rote Karten und Trillerpfeifen – das gab es bei der Protestaktion Anfang Mai in Gelsenkirchen.

(c) Quintessence News

„Wir müssen der Politik Druck machen … weil das Maß der Kostendämpfungspolitik voll ist.“ So lautete auf einen kurzen Nenner gebracht das Resümee der ersten Protestveranstaltung des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte (FVDZ) Anfang Mai in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen. Ein wahrlich bedeutungsschwerer Ort, verbunden mit einem Fußballverein, der ein Händchen fürs Dramatische hat.

Für die weniger Fußballbegeisterten: Das ist je nach Perspektive das mehr oder minder ruhmreiche Heimstadion von Schalke 04. Ein Verein, der in dieser Bundesligasaison mal wieder gegen den Abstieg aus der 1. Liga gekämpft und dem es trotz großen Kampfs bis zur letzten Spielsekunde nicht gelungen ist, die Klasse zu halten.

Wenn das kein bedeutungsschwerer Rahmen für eine Protestveranstaltung ist – was dann? Obwohl es für mich eine wahrlich schwierige Aufgabe ist, angesichts der Symbolschwere des Veranstaltungsorts als bekennender „Nicht-Schalke-Fan“ auf die Vielzahl naheliegender und unterhaltsamer Metaphern zu verzichten.

Wenden wir uns also den Fakten zu: Mehr als 1.100 Zahnärztinnen und Zahnärzte samt Teams kamen zu dieser Protestveranstaltung, um der Politik die rote Karte für ihr kontraproduktives Handeln in der Versorgung zu zeigen. Dr. Oktay Sunkur, FVDZ-Landesvorsitzender Nordrhein, brachte es wie folgt auf den Punkt: „Es reicht in dem Sinne, dass wir endlich aufhören müssen, einfach fröhlich weiterzumachen. Das wird dieses Jahr eh nicht funktionieren mit dem Budget“.

Nur brüllen – oder auch beißen?

Harald Schrader, Bundesvorsitzender des FVDZ, verortete die Zeit eines „gesundheitspolitischen Kuschelkurses“ der Zahnärzteschaft bereits in der Vergangenheit. Gut gebrüllt, Löwe! Was aber ist mit Beißen, weil offensichtlich nur so die politischen Entscheider zu einer anderen Mittelallokation im bundesdeutschen Gesundheitswesen zu bewegen sind? Damit kein Missverständnis entsteht: Mit Beißen sind im politischen Diskurs hartnäckig (wiederholte) und laut (vernehmbar) vorgetragene Argumente für die eigenen Standpunkte gemeint, unterstützt von Wirkung erzielenden Maßnahmen, um eine für Politiker relevante Öffentlichkeit zu erreichen. Das geht nicht? Dann fragen Sie doch mal die Kinderärzte und deren Timing im Kampf gegen die in ihrem Bereich ruinöse Budgetierung.

Rote Karten – Innen- oder Außenwirkung?

Kein Zweifel: Fotos der Redner mit roten Karten in den Händen (für die Medien) samt entsprechender Reden sind im Sinne der Wirkung nach innen enorm wichtig, auch zur Stärkung des Gruppenzusammenhalts. Die Frage ist jedoch: Wie wirksam sind diese Botschaften nach außen, also in Richtung einer gezielten politischen Willensbildung? Oder etwas direkter formuliert: Werden diese überhaupt verstanden, um die gewünschte politische Wirksamkeit zu entfalten?

Wirksamkeit braucht Wiederholung

Zur Wirksamkeit einer Botschaft gehört die möglichst häufige Wiederholung – das ist das gute alte Werbeprinzip, um auch bei vergesslichen oder an der Botschaft weniger bis nicht Interessierten eine Erinnerungsspur im Gedächtnis zu hinterlassen. Nicht nur deshalb ist es gut, dass der FVDZ bereits die nächste Veranstaltung für den 14. Juni in Köln auf dem Roncalli-Platz angekündigt hat.

Konsistenz versus Zersplitterung der Botschaften

Ein wesentlicher, gar entscheidender Aspekt ist in der politischen Kommunikation wie in der Werbung die Reduktion und die Konsistenz der Botschaften. Schon die Vielzahl der in und für Zahnärzteschaft politisch Agierenden – deren Daseinsberechtigung die Artikulation und Wahrnehmung der Partikularinteressen der jeweiligen Gruppe ist – zeigt jedoch das Dilemma: Die Signale an die Politik und die Medien widersprechen sich häufig. Polyphonie, manchmal gar Kakophonie, führen jedoch äußerst selten zum Ziel. Wer Erfolg haben will, muss möglichst mit einer Stimme sprechen.

Divide et impera

Klingt einfach, ist es aber ganz offensichtlich nicht – insbesondere nicht für die Heilberufe, die zwar freie Berufe, aber im Gesundheitswesen gesetzlich vielfach ge(maß)regelt sind. Die nachfolgenden Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2022. Von außen betrachtet, wirkt die deutsche Ärzteschaft kohärent, ist aber in realiter „zerfieselt“: 34 Facharztgebiete, zwei Sektoren (ambulant und stationär), Selbstständige und Angestellte, Niedergelassene und Chef- und Oberärzte, Ärzte in Weiterbildung, Wissenschaftler, Universitätslehrer, eine gewaltige Zahl an Fach- und Berufsverbänden, 17 Kammern und 17 KVen, zwei Bundesorganisationen, eine Gewerkschaft(!) usw. Alles Einzelinteressen … In Summe kommt die gewaltige Zahl von 548.000 bei der Bundesärztekammer registrierten Ärztinnen und Ärzte zusammen. Prima vista ein gewaltiges „Pfund“ in der gesellschaftlichen und politischen Willensbildung – aber auch wirkmächtig?

Ein kurzer Blick auf die Apotheker. Die ABDA, die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, vertritt 68.791 Pharmazeuten, vereinigt aber 17 Apothekerkammern (approbierte Pharmazeuten sind Pflichtmitglieder) und – jetzt kommt’s – 17 Apothekerverbände (Selbstständige in freiwillige Mitgliedschaft) unter einem Dach. Da ist bereits strukturell für das Gegenteil von Gleichklang gesorgt.

Und die Zahnärzteschaft? Im Vergleich zu den beiden vorgenannten freien Berufen, insbesondere der Ärzteschaft, wirkt die Zahnärzteschaft sehr homogen – zumindest auf dem Papier. Die ambulante Versorgung trägt die absolute Majorität der Patientenversorgung, die Zahl der Niedergelassenen übertrifft die Zahl der Angestellten noch bei weitem. Die Anzahl der fachzahnärztlichen Gruppen ist überschaubar – es gibt derer zwei, die Oralchirurgen und die Kieferorthopäden –, aber eine Vielzahl spezialisierter zahnärztlicher Tätigkeitsschwerpunkte. Alle sind neben der standes- und berufspolitischen Zugehörigkeit in weiteren Fach- und Berufsverbänden organisiert. Die strukturelle Organisation gleicht derjenigen der Ärzte: 17 KZVen und deren Bundesorganisation KZBV sowie 17 Kammern, die auf Bundesebene in der BZÄK organisiert sind. Und nun die Zahl: 100.491 Zahnärztinnen und Zahnärzte meldet die Bundeszahnärztekammer, davon sind rund 25 Prozent beruflich nicht mehr aktiv.

Zahnärzte, Ärzte und Apotheker im gleichen Boot

Und damit zurück zu der Protestveranstaltung in der Veltins-Arena und dem nicht ganz unbedeutenden Umstand, dass die Zahnärzteschaft dort eben nicht unter sich war. Der Essener Dermatologe Wieland Dietrich, Vorsitzender der Freien Ärzteschaft, erklärte in seinem Redebeitrag, dass die Ärzte und Zahnärzte nicht nur mit denselben Zielen im gleichen Boot säßen. Er versicherte zugleich die öffentliche Unterstützung der Ärzteschaft. Und auch die Vorsitzende Hannelore König, Präsidentin des Verbands medizinischer Fachberufe, machte sehr deutlich, wie wichtig es sei, noch lauter zu werden. Die Apotheker waren in der bei dieser Aktion in Gelsenkirchen zwar nicht dabei. Aber es gab in der nahen Vergangenheit gemeinsame Aktivitäten wie die Aktion „Der letzte Kittel“ des Vereins der Freien Apothekerschaft.

Des Pudels Kern

Womit wir bei des Pudels Kern sind. Zählt man die Angehörigen der drei freien Heilberufe zusammen, schlagen alleine 720.000 Approbierte zu Buche. Nimmt man die direkt bei Zahnärzten, Ärzten und Apothekern beschäftigten Assistenzberufe hinzu, erhöht sich die Zahl um 1.312.000 Beschäftigte. Wenn das kein Resonanzboden ist, was dann?

Kakophonie ersetzt nicht Lautstärke

Was also muss in Zeiten, in denen es um die ambulante Versorgung als „Ganzes“ geht, anders werden? Das Zauberwort heißt Wirkmächtigkeit. Denn der in früheren Zeiten durchaus übliche Duktus, in verbale Entgleisungen und nicht umsetzbare Drohungen gegenüber „der Politik“ zu verfallen, hatte zwar Wirkung gezeigt, dabei aber leider das Gegenteil des Gewünschten erzeugt.

Wirkmächtigkeit ist im politischen Diskurs das Gegenteil der im Gesundheitswesen üblichen argumentativen Zersplitterung von Botschaften der Stakeholder. Argumente entfalten im öffentlichen Raum nur eine geringe Kraft, wenn sich das geneigte „Publikum“ ein passendes Argument erst mühsam aus dem Angebot suchen muss. Widersprechen sich diese Argumente dann auch noch, ist das Scheitern bereits vorprogrammiert.

Reduktion der Argumente, Maximierung der Resonanz

Oder etwas anders formuliert: Wer es als Berufsstand nicht schafft, mit einer Stimme gegenüber der Politik aufzutreten, hat bereits verloren. Das betrifft zwei Dimensionen: Einerseits die Reduktion der Argumente und Forderungen bei Verwendung gleichlautender Formulierungen auf ein seitens der Politik vernehmbares Maß und andererseits die Maximierung der Resonanz. Dann ist sogar, die richtige argumentative Positionierung vorausgesetzt, die absolute Größe der Gruppe nicht entscheidend, wie man an den erfolgreichen Aktionen der Kinderärzte wie der HNO-Ärzte erkennen konnte. Man muss es in der Gruppe nur konsentiert und konzentriert tun. Das hat allerdings den gleichzeitigen Vor- und Nachteil, dass man mit solchen Aktionen nur der eigenen, meist kleinen Gruppe weiterhilft.

Es gibt gemeinsame Themen

Dass die drei Heilberufsgruppen unter der Budgetierung, entfallenen Gebührenziffern, gestrichenen morbiditätsassoziierten Zusatzbudgets, nicht honorierten erheblichen Zusatzaufwendungen und steigenden Betriebs- und Personalkosten ächzen, ist nun wirklich weithin bekannt. Angesichts des ungebremsten Leistungsversprechens der Politik subventionieren Zahnärzte, Ärzte und Apotheker derzeit die Krankenkassen. Das ist die Gemeinsamkeit, über die sich die Spitzenverbände schnellstmöglich austauschen müssen und dafür eine gemeinsame Position – oder aber wenigstens ein gemeinsames Wording –finden müssen. Ansonsten wird der ideologisch motivierte Umbau des Gesundheitswesens à la Lauterbach ungebremst weitergehen. Und da reden wir nicht nur von Spargesetzen.

Lauterbach findet Lobbyisten gut, wenn …

Wir sollten den Fingerzeig Lauterbachs in Sachen Interessenvertretung anlässlich seiner Rede auf dem Deutschen Ärztetag in Essen ernst, sogar sehr ernst nehmen. Er finde es gut, wenn sich die Heilberufler als Lobbyisten der Patienten sehen, so der Minister. Mal schauen, wie lange er das dann noch so sehen wird.

Dr. Uwe Axel Richter, Fahrdorf


Foto: Verena Galias
Dr. med. Uwe Axel Richter (Jahrgang 1961) hat Medizin in Köln und Hamburg studiert. Sein Weg in die Medienwelt startete beim „Hamburger Abendblatt“, danach ging es in die Fachpublizistik. Er sammelte seine publizistischen Erfahrungen als Blattmacher, Ressortleiter, stellvertretender Chefredakteur und Chefredakteur ebenso wie als Herausgeber, Verleger und Geschäftsführer. Zuletzt als Chefredakteur der „Zahnärztlichen Mitteilungen“ in Berlin tätig, verfolgt er nun aus dem hohen Norden die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen – gewohnt kritisch und bisweilen bissig. Kontakt zum Autor unter uweaxel.richter@gmx.net.

Quelle: Quintessence News Politik Team med.dent.magazin Nachrichten

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