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Die erneute Ungerechtigkeit gegenüber dem ambulanten Sektor ist nicht mehr nachvollziehbar – Dr. Uwe Axel Richter zum geplanten Corona-Bonus für Pflegepersonal

(c) nepool

Es ist Sonntag, Zeit die Kolumne zu verfassen. Eigentlich kein allzu schwieriges Unterfangen, denn obwohl das Jahr 2022 erst in seine dritte Woche geht, mangelt es nicht an bedeutungsschweren Themen. Auf dem Stichwortzettel für die vergangenen zwei Wochen komme ich jedoch nicht an einem Wort vorbei, von dem ich dachte, dass es politisch „durch“ sei: Der Rettungsschirm und damit direkt verbunden der Corona-Bonus.

Nach den massiven Protesten der niedergelassenen Zahnärzte aufgrund der Ungleichbehandlung im Vergleich zu den Ärzten bin davon ausgegangen, dass die Botschaft bei der Politik angekommen ist: Mangelnde Anerkennung und Ungerechtigkeit wiegen schwerer und sind „nachhaltiger“ als vorübergehende Einkommensverluste. Doch die Wahrheit ist: Nichts ist durch. Die Politik trampelt erneut mit dem Elefanten namens Ungerechtigkeit – jetzt aber wider besseres Wissen – durch das emotionale Porzellan der im wörtlichen Sinne „Leistungserbringenden“ im/des Gesundheitswesens. Nur das jetzt noch wesentlich mehr Menschen betroffen sind.

Leistungserbringung nur im Team

Wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat, dann dass „Leistungserbringung“ in Medizin, Zahnmedizin und Pharmazie nur mit und im Team funktioniert. Das gilt sowohl für die ambulante wie auch die stationäre Versorgung, auch wenn bei letzterer andere Bezeichnungen dafür verwendet werden. Das abstrakte Produkt „Versorgung“ entsteht nur dadurch, dass alle Beteiligten ihre Aufgaben kennen und bestmöglich zusammenarbeiten. Und das ist zwingend abhängig von ausreichendem und gut ausgebildeten Personal und dessen Motivation!

Das Fehlen von ausreichend gutem und ausgebildetem Personal weitet sich in Deutschland in fast allen Arbeitssektoren zu einem ernsthaften Problem aus. Manches mag sich in der industriellen Produktion durch Digitalisierung und Automatisation auffangen lassen. Aber bei LKW-Fahrern? In der Altenpflege, in Krankenhäusern, in Zahnarzt- und Arztpraxen? Allerhöchstens Zukunftsmusik und somit im hier und heute keine Hilfe.

Gut gemeint ist nicht gleichbedeutend mit gut gemacht

Leider ist gut gemeint nicht gleichbedeutend mit gut gemacht und kann auch nicht durch besonders viel wollen ersetzt werden. Wer den Personalschlüssel für Krankenpflegende im Krankenhaus ändert, muss vorher überlegt haben, wo denn die zusätzlichen Arbeitskräfte herkommen sollen, insbesondere für Intensivstationen. Wer eine Impfpflicht gegen Sars-CoV-2 für Gesundheitsberufe vorgibt, muss sich der Folgen für die Versorgung bewusst sein. Und da ist der Brandbrief von Landeszahnärztekammer und Kassenzahnärztlicher Vereinigung Sachsen an den Ministerpräsidenten Kretschmer hinsichtlich drohender Praxisschließungen – ca. 25 Prozent der Zahnärzte und 40 Prozent der Praxismitarbeiter seien bislang nicht geimpft – und einer damit massiv eingeschränkten Versorgungslage, wie ich fürchte, nur die Spitze des kommenden Eisbergs.

Als Symbolpolitik mag eine solche Vorgabe taugen, aber selbst dazu reicht es vielerorts nicht mehr. Wer an diesem Wochenende Bundesligafußball geschaut hat, konnte sich nur die Augen reiben: riesige Stadien, aber wenn Fans zugelassen waren, saßen die alle auf einem Haufen, in einem Block, vielfach ohne Maske, aber immer ohne ausreichenden Abstand – in Freud und Leid samt gemeinsamer Expression entsprechender Emotionen. Dieses Durcheinander der Regelungen – nach zwei Jahren Pandemie immer noch und immer wieder – erschöpft und frustriert viele Menschen zusätzlich.

Staatlich verordnete Demotivation

Doch zurück zum Thema Mitarbeiter respektive Angestellte im Gesundheitswesen. Man kann hinsichtlich der Sinnhaftigkeit eines steuerfinanzierten Corona-Sonderbonus durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Aber wenn die Politik dieses Belohnungsinstrument wählt – dabei ist es unerheblich, welche Lobbygruppe diese Idee, diesen Gedanken in welches Parteienohr gesetzt hat –, um zum Beispiel Dank und Anerkennung für außergewöhnliche Leistungsbereitschaft in diesen Krisenzeiten zum Ausdruck zu bringen, dann darf nicht eine Berufsgruppe einer anderen vorgezogen werden. Vor allem dann nicht, wenn diese durch die Krisensituation deutliche Mehrbelastungen und erhöhte Risiken (Ansteckungsgefahr) zu schultern haben.

Politik als Brandstifter

Wie man angesichts einer maximalen Belastung des ambulanten wie auch stationären Systems staatlicherseits erneut auf die Idee kommen kann, nur einem kleinen Teil derer, die diese Leistung tagtäglich stemmen, einen Bonus als Anerkennung der besonderen Leistungen aufgrund der Coronakrise zahlen zu wollen, ist beim besten Willen nicht mehr nachvollziehbar. Und es ist angesichts der Ungerechtigkeit in der Bewertung der Leistung der arbeitenden Menschen wie auch die Folgen für unser Gesundheitssystem nicht mehr zu entschuldigen.

Es geht um Anerkennung der Leistung

Die laut geäußerte Fassungslosigkeit von Hannelore König, der Präsidentin des Verbands medizinischer Fachberufe, angesichts der Entscheidung der Regierung, dass Zahnmedizinische Fachangestellte (ZFA) und Medizinische Fachangestellte (MFA) keinen steuerfinanzierten Bonus von 1.000 Euro erhalten sollen – das Krankenhaus- und Pflegepersonal aber sehr wohl –, ist da noch sehr moderat ausgefallen. Zudem sind weitere Prämienzahlungen an die Pflegekräfte im Koalitionsvertrag vorgesehen. Den Hinweis der neuen Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium auf die erhöhten Honorare nannte König in der „Ärzte Zeitung“ „scheinheilig“.

Eine nachvollziehbare Bewertung, deren Problematik auch Konstantin von Laffert, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, anlässlich der Proteste Anfang vergangener Woche in Berlin auf den Punkt brachte. „Viele Zahnärztinnen und Zahnärzte haben schon einen freiwilligen Bonus gezahlt. Aber darüber hinaus ist die gesellschaftliche Anerkennung aller Mitarbeiterinnen in den Praxen ebenso wichtig, Sie sind seit fast zwei Jahren extremen Belastungen ausgesetzt. Daher ist es eine Frage der Gerechtigkeit, ihnen den staatlichen Bonus ebenfalls zukommen zu lassen.“ (zm-online)

Leistungsfähigkeit und Wert der ambulanten Medizin nicht verstanden

Ob diese fundamentalen Fehleinschätzungen seitens der Politik nach fast zwei Jahren Krise wirklich nur auf die mediale Verengung der Coronakrise auf Inzidenzen, Impfquoten und volle Intensivstationen zurückgeführt werden können? Aus meiner Sicht nicht. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass die Leistungsfähigkeit und der Wert der ambulanten Medizin wie Zahnmedizin von der Politik nicht verstanden wurde und wird.

Selbst Jens Spahn, den man als einen intimen Kenner des Systems klassifizierte, meinte, ohne die niedergelassene Ärzteschaft eine erfolgreiche Corona-Impfkampagne auf die Beine stellen zu können. Auch hier war die Realität eine andere. Erst als die Ärzteschaft umfassend „einstieg“, wurde aus der Impfkampagne ein Erfolg. Eine Impfquote von fast 89 Prozent bei den über 60-Jährigen wäre ohne die Niedergelassenen nicht möglich gewesen. Dennoch braucht man zusätzlich weitere Impfunterstützung durch die Zahnmediziner und Apotheker.

Ein Sprichwort sagt: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter. Deshalb darf man das Ganze durchaus als Skandal bezeichnen. Nur zur Erinnerung: Bei einem Skandal handelt es sich um eine (allgemeine) Entrüstung oder Empörung im Sinne eines moralischen(!) Gefühls. Leider zeigt sich in der Krise aber auch die Lernfähigkeit. Oder eben nicht.

PS: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung fordert erneut den Rettungsschirm zur Sicherstellung der vertragsärztlichen Strukturen. Falls sich die Situation weiter verschärfe …

Dr. Uwe Axel Richter, Fahrdorf


Foto: Verena Galias
Dr. med. Uwe Axel Richter (Jahrgang 1961) hat Medizin in Köln und Hamburg studiert. Sein Weg in die Medienwelt startete beim „Hamburger Abendblatt“, danach ging es in die Fachpublizistik. Er sammelte seine publizistischen Erfahrungen als Blattmacher, Ressortleiter, stellvertretender Chefredakteur und Chefredakteur ebenso wie als Herausgeber, Verleger und Geschäftsführer. Zuletzt als Chefredakteur der „Zahnärztlichen Mitteilungen“ in Berlin tätig, verfolgt er nun aus dem hohen Norden die Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen – gewohnt kritisch und bisweilen bissig. Kontakt zum Autor unter uweaxel.richter@gmx.net.

 

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