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Dr. Holger Seib, Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, über sein Engagement und seine Erfahrungen in der Nachwuchsgewinnung für die Standespolitik und die Beteiligung von Frauen

Dr. Holger Seib, Vorstandsvorsitzender der KZV Westfalen-Lippe, auf der Vertreterversammlung der KZBV im Juli 2022 in Dresden

(c) KZBV/Jan Knoff

Seit 2017 ist Dr. Holger Seib (62) Vorstandsvorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KZVWL), und er wird es auch in der nächsten Legislaturperiode von 2023 bis 2028 sein. Die Vertreterversammlung hat ihn und seinen Vorstandskollegen Michael Evelt bereits im Januar 2022 wiedergewählt – eine Wahl, die damals viel Aufsehen erregte (mehr im Bericht „KZV Westfalen-Lippe wählt vorzeitig neuen Vorstand“).

Kritisiert wurde unter anderem die von der Mehrheitsfraktion damals angeführte Begründung, dass eine mögliche gesetzliche Regelung zur Geschlechterparität in den KZV-Vorständen die Wiederwahl der beiden Vorstandsvorsitzenden verhindert hätte. Eine Satzungsänderung, die ein drittes – auch weibliches – Vorstandsmitglied zugelassen hätte, kam im ersten Anlauf nicht durch, wurde inzwischen aber von der Vertreterversammlung beschlossen.

Seib war über diese Begleitumstände seiner Wiederwahl nicht glücklich. „Ich habe mich in den vergangenen Jahren ganz persönlich darum bemüht, junge Zahnärztinnen und Zahnärzte für die Standespolitik zu gewinnen und vor allem Frauen zu fördern“. Er ist nun froh, dass die neue Vertreterversammlung, deren Delegierte ab Anfang September 2022 gewählt werden, dann ab 2023 ein drittes Vorstandsmitglied wählen kann – aus seiner Sicht natürlich eine Frau.

Im Interview mit Dr. Marion Marschall, Chefredakteurin der Quintessence News, gibt er Auskunft über seine Aktivitäten zur Nachwuchsgewinnung und seine Erfahrungen. „Es kommt auf die persönliche Ansprache an“, so seine Überzeugung.
 

Herr Dr. Seib, seit Jahren wird beklagt, dass es immer schwieriger wird, Frauen und ebenso junge Kolleginnen und Kollegen für die zahnärztliche Standespolitik zu gewinnen. Die auf Hauptamtlichkeit ausgerichteten Strukturen machen das ja auch nicht einfacher. Sie haben das zu Ihrem Thema gemacht – wie sind Sie das in Westfalen-Lippe angegangen?

Dr. Holger Seib: Wir sind als Vorstand der KZVWL das Thema im Wesentlichen auf zwei Ebenen angegangen: Einer genderneutralen Ebene – zum Beispiel auf Versammlungen unserer Mitglieder mit der Vorstellung der Möglichkeiten, aber auch der Notwendigkeiten für ein standespolitisches Engagement –, und einer genderspezifischen, auf unsere Kolleginnen ausgerichteten Ebene. Der Ausgangspunkt für Letzteres ist unser Auftrag zur flächendeckenden Sicherstellung der Versorgung bei einem immer größer werdenden Frauenanteil bei unseren Mitgliedern. So entstand unsere AG Zahnärztinnen in der Versorgung in Westfalen-Lippe.
 

Wie viele Teilnehmerinnen hat Ihre AG Zahnärztinnen und wie weit konnten sie sich in die aktive Arbeit der KZV einbringen?

Die AG Frauen in der Versorgung der KZV WL
Die AG Frauen in der Versorgung der KZV WL
Foto: KZVWL
Seib: Die AG besteht derzeit aus sieben Kolleginnen. Sie gehören den bei uns vertretenen unterschiedlichen standespolitischen Gruppierungen an, sind angestellt oder selbstständig und in der Familienplanung oder haben bereits Kinder verschiedenen Alters.

Nach einer intensiven Einführung in das schwierige Thema der Sicherstellung der Versorgung plant, organisiert und führt die AG Veranstaltungen „von Kolleginnen für Kolleginnen“ als Informations- und Unterstützungsangebote speziell für Zahnärztinnen bei der Praxisführung durch. Damit senken wir die Hemmschwelle zur Selbstständigkeit.
 

Und trägt das Engagement weiter? Kandidieren diese Frauen auch für die nächste Vertreterversammlung?

Seib: Ja auf jeden Fall! Sechs der sieben Kolleginnen der AG kandidieren auf aussichtsreichen Listenplätzen für die Vertreterversammlung, fünf davon zum ersten Mal!
 

Die Zahnärztinnen haben sich in Westfalen-Lippe ja schon seit einigen Jahren auch in der Kammer stärker aufgestellt, es gibt eigene Frauen-Listen. Wie sieht es für die KZV-Wahlen aus?

Seib: Auch für die Wahl zur neuen Vertreterversammlung gibt es bei uns in jedem Wahlbezirk mindestens eine Frauenliste. Aber auch bei allen anderen Gruppierungen hat sich auf den vorderen Plätzen der Anteil an Kolleginnen deutlich gesteigert.
 

Mehr Frauen für die Mitarbeit in der Selbstverwaltung zu gewinnen, ist das eine. Wenn man auf den Altersdurchschnitt der Vertreterversammlungen und Vorstände von KZVen und Kammern blickt, fehlt es aber auch an Vertreterinnen und Vertretern der jungen Generationen. Beim Berufsnachwuchs gibt es angesichts der steigenden Zahl der Angestellten auch andere Interessenlagen. Sie haben ein eigenes standespolitisches Mini-Curriculum gestartet – wie ist das angekommen?

Seib: Dieses von mir konzipierte Curriculum habe ich an drei Tagen angeboten und dort auch selbst referiert. Bei jeder Veranstaltung waren gut 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dabei, zu zwei Dritteln waren es tatsächlich Frauen.

Das Ziel der Veranstaltung war es, einen ersten Einblick in die komplexe Welt der KZV zu vermitteln, um Interesse für ein mögliches Engagement zu wecken. Das scheint gelungen: Nach den uns vorliegenden Evaluationen können mehr als 80 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich ein standespolitisches Engagement vorstellen. Das ist ein Wert, der mir Hoffnung macht.
 

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung hat auf ihrer Herbst-Vertreterversammlung 2020 einen Beschluss zum Thema Frauenförderung gefasst, die KZVen sollten aktiv werden – das ist sehr unterschiedlich geschehen. Welche Empfehlungen und Tipps können Sie aus Ihrer Erfahrung geben?

Seib: Bevor man sie fördert, muss man erst einmal Frauen finden, die auch gefördert werden wollen. Deshalb ist meine Erfahrung und die daraus resultierende Empfehlung zu diesem Thema, Frauen gezielt mitarbeiten zu lassen im Bereich der KZV. Bei entsprechender Führung und Begleitung entwickeln sich daraus Kompetenz, Interesse an der Sache und weitergehend auch am Engagement.

Allein die Änderungen von Wahlordnungen oder Satzungen läuft meiner Ansicht nach ins Leere. Hier sehe ich die Problematik der Quotierung, die viele Kolleginnen auch selbst gar nicht wollen.
 

Jetzt bietet die Satzung der KZVWL die Option, ein drittes Vorstandsmitglied zu wählen – die Idee war, dass dies eine Frau sein sollte. Wie sehen Sie die Chancen darauf, dass die VV in der nächsten Legislaturperiode zeitnah ein drittes, weibliches Vorstandsmitglied wählen wird?

Seib: Die Chance ist nun durch die jetzige Vertreterversammlung für die zukünftige eröffnet worden. In Anbetracht des zu erwartenden deutlich höheren Frauenanteils beurteile ich die Aussicht durchaus als gut. Der Souverän für diese Entscheidung ist jedoch die neue Vertreterversammlung.
 

Sie selbst haben die 60 hinter sich und schon erklärt, dass Sie nach der nächsten Legislaturperiode definitiv aufhören werden. Oft hört man aus der Zahnärzteschaft – häufig von den älteren Jahrgängen – dass man ja eh nichts zum Positiven ändern könne, alles „von oben“ bestimmt werde und die Kammern und KZVen nur noch umsetzen. Daher bringe ein berufspolitisches Engagement eh nichts. Und auch die Wahlbeteiligung wird immer geringer. Wenn Sie auf Ihre Erfahrungen schauen: Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Seib: Diese Haltung, dass alles Engagement nutzlos ist, existiert natürlich. Sie resultiert aus meiner Sicht im Wesentlichen daraus, dass der Grat, auf dem man bei der Interessenvertretung gerade in der KZV wandelt, von denjenigen an der zahnärztlichen Basis, die so denken, als viel schmaler empfunden wird, als er tatsächlich ist. Da fehlt es in dem Fall leider am nötigen Wissen um die Zusammenhänge.

Im Rahmen meiner Amtsführung versuche ich immer wieder, hierfür ein Verständnis zu wecken. Aber einen gewissen Prozentsatz der Kollegenschaft  erreicht man trotz aller Bemühungen nicht. Diese Gruppe kommt nicht zu Veranstaltungen und liest auch unsere Veröffentlichungen nicht.

Das darf man nicht persönlich nehmen, das ist in der Politik im Allgemeinen und auch in der Standespolitik im Speziellen so. Trotzdem darf man nichts unversucht lassen, um die Teilhabe der Kolleginnen und Kollegen an dem für sie so bestimmenden Engagement zu steigern.
 

Blicken wir in die Zukunft: Was wünschen Sie sich für Ihre Nachfolgerin/Ihren Nachfolger in sechs Jahren?

Seib: Das ist eine schöne Frage für mich! Ich wünsche mir für diejenige oder denjenigen, der mir in sechs Jahren nachfolgen wird, dass sie oder er sehr gut vorbereitet ist auf die hohen und komplexen Herausforderungen, die mit einem Vorstandsamt in der KZV verbunden sind. Das erreicht man nur durch eine gezielte, über Jahre dauernde Heranführung an das Thema, wozu ich mein Möglichstes beitragen werde. KZV-Wissen ist „Learning by doing“, Kurse und Fortbildungen können das nicht leisten.

Und ich wünsche meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger dieselbe starke Triebfeder, die auch ich nach mehr als 30 Jahren standespolitischen Engagements immer noch habe: Die Gewissheit, für unsere Mitglieder und ihre Praxen das maximal Mögliche in Anbetracht der Verhältnisse erreicht zu haben.

 

Reference: med.dent.magazin Politik Menschen

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