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Wie zukunftsorientiert ist unsere Standespolitik wirklich? – Überlegungen aus der Praxis

(c) Andrey_Popov/Shutterstock.com

In der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe zieht die Vertreterversammlung ihre Vorstandswahlen um mehr als ein halbes Jahr vor. Warum? Begründung: Der neue Koalitionsvertrag kündigt eine mögliche gesetzliche Vorgabe zur paritätischen Beteiligung von Frauen in den Führungsgremien der KZVen und KVen an.

Unter die Oberfläche geschaut …

Diese Entscheidung veranlasst zum genauen Hinschauen und Reflektieren. Es geht um so viel mehr als darum, den Status Quo zu halten. Es geht darum, die Zukunft zu gestalten– weil sie sonst futsch ist. Eine paritätische Besetzung des (hauptamtlichen) Vorstands einer Kassenzahnärztlichen Vereinigung verspricht ein Mehr an Vielfalt. Vermutlich auch ein Mehr an Inspiration durch unterschiedliche Perspektiven oder Erfahrungen. Es ist bedauerlich und unverständlich, dieses große Potenzial an Vielfalt ungenutzt zu lassen. Je diverser ein Vorstandsteam, desto großartiger die Ideen.

Es ist evident, dass Führungskräfte – oder hier Vorstände – häufig Talente fördern, die ihnen am ähnlichsten sind oder die gleichen Interessen vertreten. Die wenigsten Menschen lieben Veränderung.

Klar ist jedoch: Der Ball rollt üblicherweise nicht von unten nach oben. Er rollt von den Standespolitikerinnen und -politikern zu den Praxen. Diejenigen, die an den Schalthebeln sitzen, sollten sich selbst zur Veränderung/Entwicklung verpflichtet fühlen.

Was brauchen die niedergelassenen Zahnärzte von ihren obersten Gremien? – Die zwei Pole sind „status-quo-fixiert“ und/oder „zukunftsorientiert“. Die Frage ist: In welche Richtung schlägt das Pendel aus? Die Gegenwart bestimmt die Zukunft.

Um die Medizin wieder zu dem Ort zu machen, dem Menschen ihr Vertrauen schenken, braucht es eine Standespolitik, die über sich selbst hinausdenkt. Es braucht die Vision einer Zukunft. Wir wünschen uns in den Kammern und KZVen divers besetzte Gremien, die kompetente Impulsgeberinnen sind. Die sich als Möglichmacher und Innovatoren positionieren.

Unter die Lupe genommen: Wer wird wie Zahnarzt?

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, heißt es in Hermann Hesses Gedicht „Stufen“. Alles beginnt mit dem Studium der Zahnmedizin. Ist ein Einser-Abitur wirklich das einzige Auswahlkriterium, um eine gute Ärztin, ein guter Arzt zu werden? Manuelles Geschick, Empathiefähigkeit und Mitmenschlichkeit sollten wesentliche Aspekte bei der Auswahl sein. Im Moment sieht die Realität aber so aus, dass der Student/die Studentin erst nach dem Studium – also mit Beginn der Zeit als Assistenz-Zahnarzt/-ärztin – realisiert, dass der Beruf für ihn oder für sie nicht unbedingt so zauberhaft ist. Damit liegt das Assessment der jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte bei den Praxen – und führt manchmal zu einem unangenehmen Erwachen.

Wenn wir beim Studium bleiben, so ist es ebenso wünschenswert, die Themen Kommunikation, Menschenführung und Unternehmensführung zu integrieren. Mit diesem Streben nach ganzheitlichen Studieninhalten lässt sich erreichen, dass Menschen sich am Arbeitsplatz voll einbringen und entwickeln können.

Aktuell steht dem die Beobachtung gegenüber, dass sich Ärztinnen und Ärzte in traditionellen Organisationen primär fachlich-beruflich einbringen, statt ihre ganze Leidenschaft und facettenreichen Persönlichkeit zu nutzen, um das unbedingte Vertrauen ihrer Patientinnen und Patienten zu erreichen.

Überdenken wir diese Werte neu, um die Sinnhaftigkeit des Arztes als Berufung zurückzuholen. Unter anderem auch, um die Abwanderung ausgebildeter Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner aus der Praxis oder ins Ausland zu verhindern.

Was die steigende Zahl von Frauen im Beruf bedeutet

  • Die Zahnmedizin wird zunehmend weiblicher. Aus diesem Grund muss und wird es in vielen Bereichen des Berufs ein Umdenken geben.
  • Im Medizinbereich allgemein sind die einzelnen Bereiche weiterhin stark hierarchisch, meist bedeutet dies männlich, geprägt. Es sind Frauen, die in Zukunft mehrheitlich die Bevölkerung zahnmedizinisch versorgen werden. Die Konsequenz muss ein grundsätzliches Neudenken sein. In der Standespolitik sind Frauen unterrepräsentiert. Die Mehrzahl der Zahnärztinnen fühlt sie sich von den Standesgremien nicht vertreten.
  • Es wird über kurz oder lang eine Neugestaltung der Arbeitsbedingungen geben müssen. Wie können sich Frauen in neuen Organisationsmodellen niederlassen? Die Vorschriften des Mutterschutzgesetzes bedürfen einer Reflexion und Überarbeitung. Im Interesse der Praxen dürfen wir insbesondere den Sinn des Beschäftigungsverbots ins Blickfeld rücken.
  • Wir dürfen jedoch nicht wieder in Stereotypen denken: Die Arbeitswelt sollte sich nicht an Frauen anpassen, sondern an Familien! Selbstständigkeit muss sowohl für Väter als auch für Mütter möglich sein.

Körperschaften müssen Praxis neu denken

In diesem Jahrzehnt wird die vom Alter her stärkste Gruppe der Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner – die Babyboomer – ihre Praxen abgeben. Sie treffen auf einen höheren Anteil von Frauen in den jüngeren Generationen. Sind die KZVen und Kammern darauf vorbereitet, Praxisorganisationen entsprechend der gesellschaftlichen Entwicklung neu zu erfinden?

Sind sie vorbereitet, neue Organisationsmodelle zu denken, die die Strukturen für Praxen an neuartigen, evolutionären Prinzipien ausrichtet? Im Ergebnis muss das Umdenken so sein, dass das Leben und Arbeiten in Praxen, ebenso wie deren Leistungsbeiträge für unsere Gesellschaft, radikal zum Positiven verändert werden.

Wollen wir, dass die Zahnmedizin in Deutschland vorwiegend unter Controlling-Gesichtspunkten durchgeführt wird – wie es häufig in größeren Einheiten der Fall ist? Das Ziel der standespolitischen Gremien könnte zum Beispiel die Entwicklung eines Leitfadens zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit sein.

Geballte Energie für die Prävention

Die Gesundheitsförderung und Prävention in der Zahnmedizin hinken in Deutschland im professionellen Feld den Vereinigten Staaten, der Schweiz und den Niederlanden hinterher. Das Berufsbild Diplom-Dentalhygienikerin/-hygieniker ist in unserem Land noch weitgehend unbekannt. DH haben in unseren Anrainerländern zum Teil die Möglichkeit, in eigener Praxis zu arbeiten.

Mit der demographischen Entwicklung und der international (WHO, FDI) und national forcierten präventiv orientierten ZahnMedizin wird der Bedarf an spezialisierten Fachkräften für Prävention erheblich steigen. Betrachten wir den Aspekt der fachlich hoch spezialisierten Vorsorge, so wird es in Zukunft mehr DH/Präventionsfachkräfte geben müssen als Zahnärztinnen und Zahnärzte.

Diese Entwicklung ist gesellschafts- und gesundheitspolitisch positiv zu betrachten, könnte jedoch einen negativen Einfluss auf die ökonomische Situation der Zahnärzteschaft haben. Braucht die Kompetenz einer akademisch gebildeten Dentalhygienikerin noch die Kontrolle eines Zahnarztes/einer Zahnärztin? Sind eine Kooperation und ein fachlicher Austausch – wie in der Schweiz und den USA – gegebenenfalls ausreichend? Wie gehen die Standespolitik und die Körperschaften mit dieser Situation, der veränderten (zahn-)medizinischen Aufgabe und möglichen ökonomischen Verlusten für die Zahnärzteschaft um? Gilt es doch, für unsere Zahngesundheit zu denken. Das Für und Wider und damit einhergehend die Kosten für Gesundheit versus Krankheit sind es wert, auch von den Krankenversicherungen neu betrachtet zu werden.

Stichwort paritätische Besetzung: Bei den Krankenversicherungen sieht das Zweite Führungspositionengesetz seit 2021 vor, die Spitzengremien paritätisch zu besetzen. Die Absicht der Ampelkoalition, die paritätische Beteiligung von Frauen auch in den Spitzenkörperschaften der Medizin zu befördern, ist ein konsequenter Schritt. Zumal die Studiengänge, Medizin, Zahnmedizin und Dentalhygiene in der Mehrzahl von Frauen belegt werden und diese entsprechend repräsentiert sein wollen.

Herausforderung Fachpersonal

Bei den Zahnmedizinischen Fachangestellten darf die Quotenregelung in Sachen Gleichberechtigung genau andersherum gesehen werden. Nachdem die Ausbildungsverträge ausschließlich in weiblicher Form ausgestellt waren, kam im Jahr 2020 nach mehrmaligem Nachfragen endlich eine Änderung. Auf so mancher Webseite der Länderkammern stolpern wir aber immer noch über den Begriff der „Helferin“ statt ZFA – männliche Form Fehlanzeige.

Eine bloße Änderung der Berufsbezeichnung reicht natürlich bei Weitem nicht aus. Schauen wir in den Spiegel der vergangenen zwei Jahrzehnte, so sehen wir, wie unreflektiert die Ausbildungsinhalte des 20. Jahrhunderts in vermeintlich modernen Organisationsstrukturen übernommen wurden.

Patientenorientierte Ausbildung, forschungsbasierte Lehre

Neben neuen fachlichen Qualifikationen und der zunehmenden Technisierung der Gesundheitsversorgung übernimmt das zahnmedizinische Fachpersonal heute Aufgaben mit zunehmender Komplexität. Dafür reicht die bisherige, antiquierte Ausbildung an berufsbildenden Schulen nicht aus. Der Auszubildenden dürfen erwarten, durch eine patientenorientiertere Ausbildung und forschungsbasierte Lehre auf die Anforderungen der beruflichen Praxis besser vorbereitet zu werden. Das alte Denken ist außer Puste geraten – das aktuelle Image des Berufs ist unattraktiv für junge Menschen. (Dass ZFA bei jungen Frauen immer noch ganz oben auf der Liste der gewünschten Berufe steht, ist dazu kein Widerspruch. Viele Ausbildungen werden abgebrochen, viele ausgebildete ZFA kehren dem Beruf rasch den Rücken. Auch weil die Ausbildung und die Arbeitsbedingungen nicht passen.)

Eine Akademisierung der Pflegeberufe/Fachspezialistinnen/-spezialisten wie in den Skandinavischen Ländern muss in die Überlegungen des Berufsstands und seiner Vertretungen einfließen, um den Beruf für junge Menschen attraktiv zu gestalten. Die Zusammenarbeit mit den Zahnärztinnen und Zahnärzten wird sich in der Konsequenz qualitativ verbessern.

Die starke Hierarchie zwischen medizinischen Berufen und Assistenzberufen wird damit immer mehr verwischen und der Vergangenheit angehören. Es werden dann Menschen gefragt, die sich mit einem Thema gut auskennen und nicht die, die oben auf der Leiter stehen.

Betrachten wir den Fachkräftemangel in den Krankenhäusern und Praxen, wird es klar: Unsere Welt der Medizin in Deutschland braucht neue Impulse, damit sich Menschen –Patienten ebenso wie Mitarbeitende – in ihr wieder aufgehoben fühlen. Auf Talente zu verzichten, sollte sich keine Klinik oder Zahnarztpraxis mehr leisten.

Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Als letzter Punkt auf der Wunschliste an die KZVen und Kammern seien die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit erwähnt. Der ökologische Umbau und der „Green Deal“ der Europäischen Union sind noch nicht in einem guten Ausmaß in den Gremien und Praxen angekommen. Es sprießen kleine Pflänzchen. Die Digitalisierung in Praxen und Krankenhäuser erfordert eine zentrale Organisationseinheit in den Kammern. Dies wird so lange nötig sein, wie digitale Kompetenz nicht wie Schreiben oder Lesen als selbstverständlich erachtet wird. Wir müssen das anpacken.

Los geht’s: Es wird bislang viel geklagt und wenig bewegt. Eine ständige Denkinfusion aus Erfahrung, Wissen und Vielfalt – vorzugsweise auch interdisziplinär – in den Gremien braucht „nur“ politische Leidenschaft und eine Extraportion Mut. Auch den Mut zu scheitern. Mut zur Sichtbarkeit und Mut zum grundsätzlichen Neudenken.

Eine Standespolitik, die über sich selbst hinausweist

Generell gilt: Wir brauchen in unserem Land eine umfassendere Gesundheitskompetenz und ein neues Zusammenspiel in der Gesellschaft. Wir müssen unsere Art der Gesundheitsversorgung als lebendiges System verstehen und der gesellschaftlichen Entwicklung anpassen.
Wir wünschen uns eine zukunftsorientierte Standespolitik, die über sich selbst hinausweist, und daran arbeitet, was für die Gesundheit von Menschen gut ist. Eine Standespolitik, die unserer gesellschaftlichen Entwicklung entspricht. Ein oberstes Gremium auf der Basis gegenseitiger Anerkennung bei maximaler Verschiedenheit.

Dafür braucht es einen klaren Wertekompass. Es geht schlussendlich im Wesentlichen auch darum, Macht neu zu denken. Machen wir den Sprung ins neue Denken.

Romy Klein, Wuppertal

Romy Klein
Romy Klein
Foto: Uwe Stratmann
Romy Klein ist gelernte Übersetzerin und arbeitete mehrere Jahre im Marketing eines internationalen Kosmetikunternehmens. Anschließend konzipierte sie europaweit Führungskräftetagungen, Vertriebsveranstaltungen, Product launches und Teamevents. Dann heiratete sie einen passionierten Zahnarzt.

Aus dem unvoreingenommenen Blick aus der Vogelperspektive auf diese neue Welt, eine medizinische Praxis und den Gesundheitsmarkt in Deutschland, entstand eine Essenz aus Liebe zum Beruf und Unternehmungsgeist. In ihrer neuen Aufgabe als Praxismanagerin in der Praxis Klein Sälzer Zahnärzte in Wuppertal begann sie sich mit dem Thema „Seele einer Zahnarztpraxis“ auseinanderzusetzen und die Praxis gemeinsam mit dem Team umzugestalten. Ihre Vision: Eine Praxis mit Seele, in der Menschen gerne arbeiten und in die Patienten gerne kommen. Die Dentalhygiene ist heute das stärkste Standbein der Praxis. Eine exzellente, leidenschaftliche und kompetente Zahnmedizin ist die Basis.

Als Unternehmerin steht Romy Klein für ein werteorientiertes Wirtschaften, das neben ökonomischen Werten und Effizienz auch soziale Werte der Mitmenschlichkeit und Nachhaltigkeit im Blick hat. Nur eine beseelte Medizin ist eine humane Medizin, ist sie überzeugt.

Kontakt zur Autorin unter E-Mail romy.klein@klein-saelzer-zahnaerzte.de.

 

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